Zugegebenermaßen ist es bereits einige Tage her, dass die Katholiken unter uns, zu denen ich zumindest auf dem Papier auch (noch) gehöre, einen neuen Oberhirten bekamen. Mit Franziskus zieht, so liest und hört man, endlich ein weniger prunk- und pomplastiger Führungsstil in die verkrusteten Hallen des Vatikans ein. Doch man darf gleichzeitig nicht verkennen, dass der neue Papst, der einstige Kardinal Jorge Mario Bergoglio, als konservativ gilt. Revolutionäre Aufrüttelungen der Kirche wird man daher wohl nicht erwarten können.
So werden wohl auch in absehbarer Zeit Frauen ein Schattendasein in der katholischen Kirche fristen. Priester werden auch weiterhin in den Zölibat gezwungen – einige von ihnen werden auch weiterhin ihre sexuelle Erfüllung auf Kosten Schwächerer suchen. Homosexuelle werden auch in Zukunft allenfalls voller intoleranzgeschwängertem Mitgefühl missbilligend geduldet.
All das ist nicht schön, doch wer könnte von einem auf die 80 zugehenden Mann erwarten, jahrzehntelange Versäumnisse quasi mit einem Handstreich nachzuholen und die Kirche aus dem Mittelalter ins Heute, ins Hier und Jetzt, zu befördern? Die Probleme der katholischen Kirche lassen sich nicht mit einer einfachen Personalie an ihrer Spitze lösen, lassen sich nicht von heute auf morgen mit einem „Habemus papam“ wegverkünden.
Dennoch bin ich sensationsgeil genug, um mich darüber zu freuen, dass ich zufällig live miterlebte, wie am 13.03.2013 der weiße Rauch über der Sixtinischen Kapelle aufstieg und der neue Papst eine Stunde später den Balkon betrat. Für mich war das nicht etwa ein spirituell bedeutsamer Moment, da ich mich zwar katholisch, nicht aber gläubig schimpfen lassen muss, sondern ein Moment der Zeitgeschichte, bei dem ich schlicht „dabei“ war.
